Jean-Christophe Ammann, JOSEPH BACKSTEIN, VLADIMIR DUBOSSARSKY,  OLGA SEREBROWSKAYA,  ANTONIO GEUSA, LENA HADES,   LEONID BAZHANOV,  ANDREY EROFEEV,  SERGUEY KUSKOV, VITALI PATSIUKOV, MARINA BESSONOVA, ALEKSANDER JAKIMOWITSCH, SERGUEI POPOV, EUGEN BARABANOV, ANDREY  KOVALEV, IRINA KULIK, OKSANA SARKISIAN, PETR VOIS, LISA PLAVINSKI, IRINA GORLOVA, JULIA GNIRENKO, IRINA CHESNOKOVA, AKEXANDR PETROVICHEV   
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I love him whose soul is so overfull that he forgetteth himself, and all things are in him: thus all things become his down-going.  
Ich liebe den, dessen Seele ubervoll ist, so dass er sich selber vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle Dinge sein Untergang. 
-- Friedrich Nietzsche 
 
1. AMMANN, JAKIMOWITSCH, JUSCHKOWA 
2. BORIS GROYS 
3. ANDREY KOVALEV 
4. ALEKSANDR SOKOLOV 
 
Jean-Christophe Ammann                                        
 
Weshalb Nietzsche? Weshalb “Also sprach Zarathustra“? 
Lena Hades ist beseelt von einem existenziellen Drama, das tief in der historischen Dimension autoritaerer Gesellschaften gruendet. Nietzsches „Gott ist tot“ meinte den Tod eines nationalreligioesen und theologisch-ideologisierten Gottesbildes des 19. Jahrhunderts.  
Dieser Gott musste sterben! Aber an dessen Stelle trat jenes Kollektiv, das machtvoll und gewalttaetig die Befreiung des Individuums von einem weltanschaulich verordneten „Gott“ verhinderte. Der stehende Ausdruck: „Vom Regen in die Traufe“ 
ist angebracht. 
 
Lena Hades “Bilderkampf“ ist der Kampf des Individuums gegen das Kollektiv. Es ist der andauernde Kampf Sisyphos:  
Lamento einer inakzeptablen Ohnmacht. Die Wucht ihrer Auflehnung hat apokalyptische Zuege. Lena Hades weiss sehr  
wohl um die Bedeutung des „Menschen, der des Menschen Wolf ist“ (Thomas Hobbs), oder in den Worten von Jean-Paul Sartre,  
dass „die Hoelle der andere ist“. Beide Aussagen zielen auf das Individuum.  Umgekehrt frisst das Kollektiv seine Kinder.  
Wo ist die produktive Mitte? Das ideologisierte Kollektiv kann ja heute auch als eine werteverscheuchende, glueckverheissende Allgegenwart alleiniger oekonomischer Prinzipien verstanden werden. 
 
Lena Hades Bildsprache aeusserst sich oft bewusst, plakativ, weil es ihr um „Schautafeln“ geht, die aufruetteln, wachrufen wollen. Insofern hat sich an der Aufgabe des Kuenstlers nichts geaendert: Er ist der Derwisch, der das kollektive Gedaechtnis weniger beschwoert als in Bewegung versetzt, jedoch stets aus einem Bewusstsein und Denken von Gegenwart.  
Lena Hades ist ein Derwisch. 
2004. 
 
 
Olga Juschkowa                             
 
“Und wer moechte auch erraten, welche Gedanken dabei ueber Zarathustras Seele liefen?” 
 
Noch im Jahre 1910 schrieb Andrej Belyj: “Einige moderne Philosophen steigen immer mehr und mehr von Gipfeln des theoretischen Denkens zu den Fragen der Kunst und der Kultur ab… und immer mehr und mehr streben die Kuenstler danach, ihre Losungen philosophisch zu begruenden; diese zwei Stroemungen in Philosophie und Kunst fallen fast zusammen”. Bewegung der philosophisch orientierten Kunst der Philosophie entgegen, die ihrerseits aus der wissenschaftlichen in die kuenstlerische Sphaere hinauszugehen strebt, bestimmte zum Teil den Intonationsstimmen und Inhalt der ganzen Kultur des 20. Jahrhunderts. Der dem Buch von Nietzsche “Also sprach Zarathustra” gewidmete Zyklus der Gemaelde von Lena Hades kehrt noch einmal zu diesem Gedanken. 
 Nicht zufaellig hat eben Nietzsche tief auf das kuenstlerische Bewusstsein des vorigen Jahrhunderts abgefaerbt. Schonunglos unverhuellte Verachtung mit einem Anflug von Bedauern mit dem “letzten Menschen”, offene Ablehnung der unvollkommenen Menschennatur, Kritik des “Gebaeudes” der menschlichen Beziehungen, das auf den Werten, die die Wahrheit verloren haben, aufgebaut ist – das alles war nah zur Kultur, die die neuen Ausgangspuenkte sowohl in der formalen, als auch in der bildlichen  
Struktur der Kunst suchte. Zur Kultur, die sich von ausgepraegten Traditionen und aesthetischen Grundlagen zu trennen strebt. 
 Die kuenstlerische Verkoerperung des Kreises der neuen Ideen fuehrt das Werk von Nietzsche von den Angaben der  
philosophischen Abhandlung fort. In Ueberlegungen des Autors gibt es fast keine philosophische Begruendung der Welt, er schlaegt keine neue Konzeption der Weltanschauung vor: sein Uebermensch ist Abstraktion, die man mit jedem Inhalt erfuellen kann – und  
das geschah eben in der Realitaet der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Mensch, dessen Geschichte, den Worten des Philosophen nach, nur “Scham, Scham, Scham” ist – das ist die Sphaere der Nietzsche´s Ueberlegungen. Das alles gibt die Moeglichkeit mit dem Autor des Buches einen plastischen Dialog anzuknuepfen. Der Zyklus  "Also sprach Zarathustra" entstand 
in der Kunst von Hades im Laufe des Lesens und Begreifens des Werkes, das bis jetzt die angespannte Aufmerksamkeit auf  
sich zieht.  
Die Kuenstlerin hatte gar nicht vor, das Buch zu illustrieren. Sie ueberlegte mit dem Autor zusammen und versuchte ihr Verhalten  
zu seiner Lehre zu bestimmen und die eigene Vorstellung davon, was der Mensch in dieser Welt ist, zu korrektieren. 
 Die Arbeiten entstanden eine nach der anderen ausser der Reihenfolge des Fabelerzaehlens. Fast alle Bilder und Aquarelle,  
die in dieser Ausgabe dargestellt sind, wurden waehrend fuenf Jahre (1996-2000) geschaffen. Lena beschraenkte sich nicht  
auf dem Rahmen einer Stilistik, was in der Regel fuer die Zyklen kennzeichnend ist (“Das Maedchen mit Schleifchen”). Der Inhalt 
mal des galligen, mal poetischen, mal leidenschaftlichen, mal muerrischen Textes von Nietzsche mit seiner Symbolik, Allegorie  
und mythologischer Struktur kann man auf einen gemeinsamen Nenner nicht bringen. Die Kuenstlerin erfasst fein diese Intonationen und die Vibrationen des Sinnes, der mitunter nur in einigen Phrasen besteht. Gerade die Moeglichkeit der mehrdeutigen Auffassung 
der “Worten von Nietzsche” zieht sie an. Als eigenartige Intitulation  des ganzen Zyklus kann man das Bild “Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebaeren zu koennen”. Die Geburt des Lichtes geschieht auf diesem Gemaelde nicht einfach aus dem Chaos, sondern aus dem mit Elementarkraeften der Erde verbundenen Anfang, der in Gott Dionysos personifiziert ist. Die Erde, wie auch der Koerper,  ist fuer Nietzsche keine Verkoerperung von etwas Suendhaftes der Seele und dem Himmel gegenueber. Zarathustra lehrt die Erde zu lieben. Wenn er sich auf den Weg macht, wendet er sich an die Sonne: “Ich muss, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will”. 
 Die blutroten Strahlen der untergehenden Sonne erleuchten viele Bilder des Zyklus. Diese plastische Grundmetapher fuer das ganze Buch von Nietzsche, die so erfolgreich von der Kuenstlerin gefunden wurde, baut bildliche und formale Struktur der Arbeiten auf, die  
die allgemeinen Einstellungen ausdruecken: “Zarathustra und Zwerg”, “Incipit Zarathustra”, “Wenn ich je am Goettertisch der Erde mit Goettern Wuerfel spielte“, "Das tiefe Gelb und das heisse Rot", „Und die Blindheit des Blinden“, “Adler und Schlange”. Hier wendet sich Hades an die Sprache des Expressionismus, wie auch in Dionysus. Dabei findet sie zu jedem Bild seinen eigenen Schluessel. 
 So loest der dynamische Abriss der Dionysos Figur die Assoziationen mit der Zeichnung auf altgriechischen Vasen aus, was auf dem Gemaelde den Effekt der Erscheinung dieses Gottes besonderes Schicksals im antiken Pantheon verstaerkt. Und die Bilder “Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben“, “Zarathustra und Zwerg” nimmt man durch die Naehe der koloristischen Gestaltung dem monumentalen Aufbau als Diptychon wahr. Aber wenn das erste Gemaelde beim Andrang des violette Schwaerze aufsaugenden Rotens bereit zu explodieren scheint, dann entfassen und trennen “zwei Gesichter der Toren ”  in der Komposition “Zarathustra  
und Zwerg” “zwei Wege” – den roten und den blauen. 
 Fast alle Arbeiten des Zyklus enthalten den Text, was an sich selbst nicht neu fuer bildende Kunst und besonders im 20. Jahrhundert ist, wann solche Vereinigung des Visuellen und Verbalen, in der Regel, den kozeptuellen Charakter hatte.  In diesem Fall sind das  
die Zitate aus dem Buch: ihre Funktion besteht nicht in Verstaerkung des illustrativen Effekts. Die kuenstlerische Gestaltung des Textes in Gemaelden und Aquarellblaettern ist mannigfaltig. 
 Zum Beispiel hat der Text in Komposition “ Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute, -- wusstet ihr das schon?“ die Bedeutung, die dem Bild gleich ist. Die grosse, leicht lesbare, wie die Mittagssonne leuchtende Schrift stellt Hades vor dem Hintergrund der blinden Dunkelheit, in Oberteil des Gemaeldes, ueber den Kopf von Zarathustra und hoeher als die Sonne. Dadurch gewinnen die Woerter, die ebensosehr visuell ueberzeugend wie der ganze metaphorische Sinn dieser Komposition  sind, noch ein neues Leben. Und in den Arbeiten “Wenn ich je am Goettertisch der Erde mit Goettern Wuerfel spielte“, "Das tiefe Gelb und das heisse Rot" gibt es Fusstitel. Er ist kein Akzent, im Gegenteil: ihm wurde den Platz angewiesen, der dem ganzen kuenstlerischen Aufbau dieser Gemaelde untergeordnet ist. So sind die Feufluesse, die beim Wuerfelspiel mit Goettern von der Erde gespielen und dem Himmelblitz gleichgestellt werden,  Nietzsches Denkens augenscheinliche Metapher, die fast keine Verbalisation braucht. “ Das tiefe Gelb und das heisse Rot: so will es mein Geschmack, der mischt Blur zu allen Farben. Wer aber sein Haus weiss tuencht, der verraet mir eine weissgetuenchte Seele” – dieser Fusstitel flammt in einzelnen Buchstaben mit sonnigem Licht auf – und das laesst ihm nicht fallen, in der Kluft nicht verschwinden, auf deren Rand die gleich langweiligen und daurch armen weissen Haeuschen hinter den weissen Zaeune stehen. 
 Der glutrote Untergang bestrahlt auch die Komposition “In Mumien verliebt die einen, die andere in Gespenster; und beide gleich feind allem Fleisch und Blute”.  Hier findet Hades die feine Verbindung der Expressionismus- und Primitivismusaesthetik. Die Beweinigung der Mumie verweist auf Traditionen der alten orientalischen Kultur und es verleiht dieser Arbeit besondere Schaerfe.   
Indem die Kuenstlerin  die Haupt-kompositionsachen zur Kulmination einer weiblichen Figur mit emporgehobenen Haenden zusammenzieht,  schmueckt sie  den Rhytmus aus, der durch Begrenzungslinie und Umrechnung der stehenden  
und fussfaelligen Figuren geschaffen wird. Anscheinend ist eben Expressionismus in Verbindung mit Symbolismus diejenige Sprache, auf die man mit Zarathustra sprechen kann, und Lena hat diesen Weg gefunden. Doch ueber “kleine Menschen” spricht sie auf der Sprache des Primitivismus. Und wie anders kann man gleich rundkoepfige, mit Leere erfuellte Wesen ohne Schaedel und Gerippe, d.h. ohne den Kernpunkt zeigen? Sie hasten sinnlos, klettern irgendwohin, stoeren einander und in die Kluft abstuerzen wie auf dem Bild “Seht sie klettern diese geschwinden Affen! Sie klettern uebereinander hinweg und zerren sich also in den Schlamm und Tiefe”.  
 Die Kuenstlerin waehlt den ueberzeugenden Weg aus – die Glaubwuerdigkeit der Einzelheiten verstaerkt den verallgemeinerten Charakter der Gestalten. Die Anwendung der Primitivismusstilistik traegt aufs beste dem Effekt der Wechselbeziehung der Lebenselemente in der grotesken Umhuellung mit dem epischen Anfang bei. Dieser Anfang bestimmt das Werk von Nietzsche ueberhaupt. Zum Beispiel  auf dem Bild “Sie haengen an ihrem Strohhalm Leben” beschaeftigt sich einer der Gestalten – ein staemmiger Mann im mittleren Alter mit einer erstaunlichen Sache: er lutscht ein Chupa-Chups. Es ist unklar, was ihm die Gewissheit ueber die Haltbarkeit des Strohhalms gibt. Diese ganz tolle kindliche Sorglosigkeit eines erwachsenen Menschen ruft widerspruechliche Gefuehle hervor: von Missgunst voller Ekel bis Mitleid (Lena hat erzaehlt, dass nachdem sie diese Komposition vollendet hat, hat sie in der U-bahn einen grossen staemmigen Menschen gesehen, der ein Chupa Chups verschlang). 
 Aber auch die Arbeiten ueber den “kleinen”, “letzten” Menschen sind nach dem Typ der kuenstlerischen Gestaltung nicht gleichartig. Neben den genannten Kompositionen, wo die Sujetsgrundlage den Kernpunkt des Gemaeldes bildet, sind auch die Werke interessant, in deren Hades einen lakonischen und metaphorischen Zug zu finden gelingt. “Rund, rechtlich und guetig sind sie miteinander, wie Sandkoernchen rund, rechtlich und guetig mit Sandkoernchen sind“ – die menschliche Wueste der Rundkoepfigen nimmt das ganze Gemaelde ein und es gibt keinen besonderen Unterschied wie sie dem Zuschauer zuwenden: den Ruecken oder das Gesicht. Diese unverstaendliche und demuetige  Menschenordnung, die hustet und zwinkert wenn man ueber unbegreifliche Dinge spricht, die schreckt,  sowie die Moeglichkeit einer von ihnen zu sein… Der Glaube an das Vervollkommen, an die Umgestaltung der Wirklichkeit durch die Kunst ist Stammzug der russischen Kultur. Und wie das Pathos von zum Beispiel Dostojewski auch ueberfuehrend ist, der die niedrigsten Seiten der Menschennatur und des sozialen Systems aufdeckt, doch ist er ueberzeugt: “Die Schnoeheit rettet die Welt!” Hades setzt nach Massgabe der Kraefte die Tradition fort. Ihre “letzten Menschen” sind natuerlich geistig verflacht, sie sind klaeglich und erbaermlich, aber Hades gibt ihnen kein Urteil wie Nietzsche ab, als ob sie sie stehenzubleiben und in Gedanken zu versinken ueberrede. 
 Es gibt noch einen dritten Weg im Zyklus “Also sprach Zarathustra” von Lena Hades. Das ist Zusammenstoss von realistischer Tradition mit Elementen des Hyperrealismus, wie in der Aquarell “Sie (Kinder) spielten am Meere – da kam die Welle und riss ihnen ihr Spielwerk in die Tiefe: nun weinen sie“. Die Kinder, die gleichzeitig den Puppen und Erwachsenen aehnlich sind. Sie sind hilflos vor der Welle, die sie so sehr beleidigt hat. Sie wissen noch nicht, dass die andere Welle neue Spielzeuge fuer sie hinaustraegt. Die lyrische Intonation bricht hier den Schmerz des Buches “fuer Alle und fuer Keinen” durch. Und nur der Adler und seine Freundin Schlange – die Zarathustra´s Tiere -  wissen vielleicht fuer wen dieses Buch ist. Lena Hades wurde es eigen.    
2002 
 
Aleksander Jakimowitsch                    
 
Die Lehren der froehlichen Wissenschaft  
 
Die Moskauer Kuenstlerin Lena Hades lebt in der Welt der Ideen und Gestalten, die vor allem mit hermetischen Mythen des Altertums, Mitellalters und Neuzeit verbunden sind.  Sie interessieren zuerst die Visionaere, Propheten und Denker, die keine „richtigen“ Worte ueber die Ordnung der Dinge, sondern die aufgeregten MutmaSSungen und Phantasien ueber „andere Wirklichkeit oder Wahrheit“ hinter sich gelassen haben. Ganz natuerlich, dass die Kuenstlerin neben den griechischen Esoterikern (Orphiker und Pythagoreer), neben den christlichen Mystikern und Begruendern des neuen Existenzialismus unwiderstehlich die Gestalten von Friedrich Nietzsche heranziehen, Ideen und Episoden seiner Werke, Ausdruecke und Wendungen seiner seltsamen und „fremden“ Rede.  Wegen dieser Bekanntschaft  mit dem deutschen Denker erlernte philologisch ausgebildete und Fremdsprachen beherrschende Lena Hades auch die deutsche Sprache, da die Worte des Sehers und  Eingeweihters in ihrer Urform klingen sollen. Mit Treuherzigkeit und Begeisterung einer Neubekehrenden setzt sie Zitaten aus „Zarathustra“ in ihre Gemaelde hin. 
 Apollon und Dionysos, „die letzten Menschen“, das wuerfelnde Kind, Weltraumlandschaften und krampfige Visionen des in Einsicht  umkommenden menschlichen Wesens treten in Bildern von Hades auf. Vor allem wirken sich in Lena’s Bildern die Seiten aus dem Zarartustra Buch aus. Das ist Bilderbuch, es ist voll von ausdruckvollen Szenen und effektvollen Situationen. Und darin besteht die Schwierigkeit fuer die Kuenstler. Es hatte keinen Sinn und es gab keinen Wunsch,  einzelne Episoden zu illlustrieren. Es gab Streben, auf die woertlichen Bilder des Schriftstellers und Philosophen mit malerischen Gestaltungen reagieren, die mit dem Aufbau des Buches uebereistimmen wuerden. 
 Die Variationen von  Lena Hades zu den Friedrich Nietzsche’s Themen sind natuerlich anfechtbar. Nicht zuflaelig keiner von den Kuenstlern des 20. Jahrhunderts hat sich erkuehnt, solche Variationen dem Zuschauer vorzuschlagen. Die Buecher des Philosophen haben sehr viele Kuenstler und Schriftsteller gelesen und geachtet: Andre Breton und Pablo Picasso, Frank Loyd Wright und Aleksander Blok, Majakowski und Paul Klee. Aber direkt zu reagieren - das haben sie sich gewoehnlich enthalten. Anscheinend hielten die Kuenstler einheimliches Moratorium ein und verfielen darauf, dass man den FuSS auf gefaehrlichen Boden nicht setzen und sich dem Riesen nicht naehern muss. Seit langem wurde klar und anerkannt, dass Nietzsche einer der Urahner der neusten Kultur ist, der mit seinen fieberhaften Einsichten den neuen Gedankenaufbau und die neue Weltaufassung bezeichnet hat. Er ist immer und ueberall anwesend, sogar dort, wo man ihn  nicht sehen wolle. 
 Sogar die Stammvaeter des sowjetischen Denkens und Kultur empfunden zaghaftes Entzuecken vor Nietzsche. Lunatscharski, Gorki, Trotzki verehrten Nietzsche. Die Kuenstler des sowjetischen sozialistischen Realismus mit ihren halluzinatorischen Visionen ueber die Groesse des Fuehrers und seines Volkes  kopierten (und entstellten) unwillkuehrlich die Nietzsche´s  Ueberlegungen ueber den Uebermenschen.  
Man koennte dokumentarisch zeigen, in welcher Weise der Geburtprozess der sowjetischen Mythen sich geheimlich aus Nietzsche’s Quellen ernaehrte. Aber dann ist eine Wende eingetreten: Nietzsche wurde fuer den Ideolog des deutschen Imperialismus erklaert.  
Die westlichen Linken haben auch nicht selten ueber den Zusammenhang zwischen Nietzsche und gefaehrlichen totalitaerischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts gesprochen. Die Linken konnten sich ueberhaupt die Feinde sogar dort finden, wo es keine gab.  Nietzsche ist stets in Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts anwesend. Er steht unsichtbar hinter den Schultern von Mandelstam, dem Autor der philosophischen Zeilen („Meine Zeit, mein Tier“) – das ist fast Zarathustra. Er begleitet Wort-, Menschen- und Ereignisspiele bei Joyce und Aldington. Er wirkt in der Regel in Literatur und Kunst dann ein, wenn die Themen der sozialen Groteske entstehen, wenn auf Leinwaende von Beckmann und Gross, von jungen Tyschler und spaeten Picasso abscheuSSliche und ulkige Menschchen einander quaelen oder sich die tragikomische Spielerei hingeben. Noch staerker und instaendiger ist die Erinnerung an „Zarathustra“ und „Ecce Homo“ in kosmogonischen Phantasien der Maler und Graphiker. Wieviel gab es die, solche Phantasien, weiss jetzt wahrscheinlich niemand und kann kaum aufzaehlen: von Kandinski bis Georges Mathieu, von Malevitsch bis Jackson Pollock.  
Lena Hades ist auf heroische und vergebliche Weise daran gegangen, ulkige kleine Missgeschoepfe wieder zu malen; sie bedecken das Anlitz der Erde wie Geroell und waelzen sich durch das Leben, und immer wieder Unsinn verzapfen. Andererseits  sind wir  schon lange darauf bereit und die Erinnerung daran, dass melancholische und sarkastische Ueberlegungen und Visionen des 20. Jahrhunderts ueber den Massenmenschen, den Menschen der Menge, mittlere Klasse, alle diese Ueberlegungen der Soziologen und Philosophen, Schriftsteller und Dichter, Maler und Filmmaenner seine Quelle, seinen Urbeginn haben, wird gar nicht ueberfluessig. Das ist Nietzsche. Er wurde von Torsten Veblen und Jose Ortega y Gasset gelesen, fuer ihn hat Bunuel begeistert, er wurde tief von Orson Welles verstanden. 
 Wenn man feurige Fluesse und Kluefte, Bergschluechte und andere geologische Felskolosse in Bildern von Moskauer Kuenstlerin betrachtet, unter deren der Adler, der Held und das Kind wandern, wird uns ein uebriges Mal der Umstand vernehmbar, dass die avantgardistische visionaere Taetigkeit des 20. Jahrhunderts gar nicht an heilgen Antonius oder Dionysius der Areopagit, nicht an griechischen Orphikern und oestlichen Sufien zurueckreicht. Diese visionaere Taetigkeit reicht in ihren Hauptversionen an Nietzsche, an Bilder von Edvard Munch und Werken der italienischen, franzoesischen, englischen Postmodernisten des Endes des Jahrhunderts zurueck. Nachdem Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts  ihre Teilhaftigkeit an Nietzsche  nacherwiesen haben, war fuer Lena Hades nicht notwendig so direkt und naiv sich an solchen Dingen zu erinnern. Sie hat vielleicht sogar in gewissem Sinn den Fahrrad aufs neue erfunden. Und so soll es sein. Das zeugt davon, dass das Feuer von Dionysos nicht endgueltig mit Apollon´s wissender Kaelte gewechselt hat, und im Zwischenraum sind noch die Entdeckungen moeglich. Wenn der Fahrrad immer wieder nich erfunden wird, dann koennen die Leute vergessen, was die Entdeckung ist. Die Frage besteht nicht darin, ob richtig oder falsch Nietzsche in der Kunst von Moskauer Kuenstllerin der Jahrhundertswende verstanden wurde, ob ihre Bilder zu den Themen des Denkers gut oder zweifelhaft sind – das ist kein Thema zum Besprechen. Sie ist daran gegangen – das ist wesentlich. Fuer einen Forscher der Denken- und Kunstgeschichte ist wichtig zwei Dinge zu verstehen. Was fuer Magie gibt es in Buechern des seltsamen deutschen Schwaermers und Dichters der zweiten Haelfte des 19. Jahrhunderts, warum wurde er so noetig und interessant fuer Schriftsteller und Kuenstler der ganzen Epoche? Und konkretere Frage: warum wurde Nietzsche noetig in Russland, warum waren Aleksander Blok, Leo Schestow, Michael Wrubel, Pawel Filonow und viele andere von ihm so beeindruckt? Die romantischen Suchen des UEbermenschen und des Auswegs aus der laestigen gesellschaftlichen Wirklichkeit – das ist keine Erklaerung. Das Unbefriedigtsein mit dem Seienden und der Protest gegen gesellschaftliche Bedingungen waren der Stammzug der europaeischen Kultur der Neuzeit (Moderne, Modernity).  
 Es gab in Nietzsche noch etwas Besonderes, was sein Denken und Werk einerseits fuer den Westen, andererseits fuer Russland unabwendbar machte. Wie koennte man lernen zu verstehen, was es denn eben war? Genau genommen, wie man sich zu verstehen erkuehnt – sapere aude – mit diesen Worten hat Immanuil Kant den intellektuellen Tonus der Neuzeit bezeichnet. 
 Nietzsche hat den entscheidenden Schritt Ende der 1870-er Jahre im Buch „Menschliches, Allzumenschliches“ getan. Hier geht es um die Hauptmythe des Kulturmenschen – Mythe der Kultiviertheit und Menschlichkeit. Das priviligierte hoechste Wesen, das sich durch Religion, Philosophie oder Wissenschaft ueber immorale, irrationale und unmenschliche Natur emporgeschwungen hat, - ist Erdichtung. Aus dieser schockigen Vermutung des deutschen Denkers waechst das ganze Denkensystem auf. Kultur und Humanitas stellen nicht anderes vor als veraenderte Formen der vorkulturellen, tierischen Lebensimpulsen. Diese MutmssSung bewegte spaeter Sigmund Freud zu sprechen, dass Nietzsche im voraus alles wusste, was er, Freud, in seinen psychologischen Studien zu formulieren versuchte. 
 Nietzsche ist zum Schluss gekommen, dass die Gesamtheit der Moral, Wissenschaft, Sprache und des Gesetzes in menschlichen Gesellschaften die mystifizierende Rolle spielen. Unter diesem Gesichtwinkel ist Kultur dazu gerufen, eigene Herkunft zu maskieren, die seinen Ursprung in den vorkulturellen, tierischen Naturimpulsen hat. Der spaete Nietzsche (nach 1880) war sicher, dass die sogenannte Hochkultur, die alle bekannte und moegliche Formen der Religionen, Wissenschaften, Gesetze, Kuenste u.s.w. ergreift, nicht anderes ist als Spiritualisation und Sublimation der urspuenglichen tierischen Menschennatur. „Schon in jedem Erkennenwollen ist ein Tropfen Grausamkeit“ – lautet Paragraph 229 im Buch „Jenseits von Gut und Boese“. 
 Dieser Gedanke variert und wiederholt sich  mehrmals im spaeten Werk des Denkers. Der Gedanke, dass die Hochkultur sich auf Vergeisterung und Vertiefung der Haerte gruendet. Aber in welchem Sinn naemlich? Ob Nietzsche Gewalt und Zerstoeren rechtfertigte? Ob er zu Selbstzerstoerung, zu allgemeinem Tanathosreich rufte? Bekanntlich hat man ihm bald die Schuld an diesen Dingen zugeschrieben, bald als Verdienst angerechnet.  
 Die Geschichte der Aneignung des Nietzsche´s Denkens in Kultur des 19. und 20. Jahrhunderte ist kompliziert und verworren.  
Fuer die Einfachheit kann man in diese Geschichte eine prinzipielle Differenzierung einfuehren. Die Texte von Nietzsche werden  
in drei Kategorien untergegliedert. Die erste: die philosophischen Mutmassungen und Hypothesen ueber solche Probleme wie Moral, Sprache, Kunst, Religion, Gesellschaft (sie teilen sich nach Perioden und Thematik, aber das ist schon ein Sondergespraech). 
Die zweite grosse Kategorie: die populaeren Variante von Nietzsche´s Ideen, die von ihm selbst fuer Massengebrauch ausgewaehlt und bis zum poetischen Ungestuem getrieben wurden. Zur zweiten Kategorie gehoert eins, aber sehr bedeutsames Buch: „Also sprach Zarathustra“. Und endlich der dritte Teil: das ist der monumentale Band „Wille zur Macht“, den nicht Nietzsche selbst zusammengesetzt hat. Er wurde von Nietzsche´s Verehren zusammengestellt; sie haben es nach bestem Wissen und Gewissen aus Notizen zusammengesetzt, die im Nietzsche´s Nachlass gefunden wurden. Nietzsche selbst hatte nicht vor, sie drucken zu lassen, und seine Verehrer haben sie veroeffentlicht: Schwester und Testamentsvollstreckerin von Nietzsche hat sich in der Geschichte mit dieser zweifelhaften Geste angekuendigt.  
 Grosse Philosophie und hohe Kunst des 20. Jahrhunderts suchten und fanden fuer sich wesentliche Ideen vor allem in ersten und zweiten Teilen des Nietzsche´s Nachlasses. Paul Ricoeur hat gesagt, dass der epochale Umsturz in der Geschichte des Denkens mit der Erscheinung der neuen Kunst verbunden ist, die die Mythen kritisiert, Wahrheiten und Werte der Menschen deswegen verdaechtigt, dass sie mit ihren erhabenen Fassden etwas nicht Anstaendiges verheimlichen. Drei grosse Geiste haben diese Tradition  des “intellektuellen Argwohns” angefangen: Marx, Nietzsche und Freud. Nietzsche hat sich als der radikalste und entschlossenste von allen erwiesen. In Kultur des Westen und bald in Russland hat sich der Gedanke gefestigt, dass Denken, Moral, Ideologie, d.h. das ganze kulturelle “Unser”, Gewand fuer etwas anderes ist. Fuer “Nicht Unser”, wenn man meine Bezeichnungen benutzt. 
 Moral, Nietzsche nach, macht Gewalt und tierische Instinkte (der Domination und des Gehorsames) rechtskraeftig. Als ob Freud diese Mutmassung fortgestzt habe, hat er sich an Hypothese gewandt, dass die kulturellen Konventionen die Kluefte des  Unterbewussten verdecken, wo die ganz und gar fuer die Gesellschaft und Sprache verbotene Triebe dominieren. Man darf sie auch nicht beschreiben ohne den Risiko sich den Zorn der Mitbuerger zuzuziehen; sie werden ueber Ungeheurlichkeit der Vermutung entsetzt, dass jeder von Menschen den Vater ermordern, sich sexuell mit der Mutter verbinden oder andere vormenschliche Dinge, die in psychoanalytischen Forschungen beschrieben werden, unterbewusst machen will. 
 So entstand das Postulat, dass die Vorstellung des Menschen ueber Wahrheit, Sinn und Wert dazu gerufen ist, gewisse Sinne  
zu verheimlichen. Darueber darf man nicht sprechen (ist nicht ueblich, unzulaessig, schrecklich, nicht moeglich zu sprechen). Wahrscheinlich kann man hier tatsaechlich ueber „epistemologischen Abbruch“ sprechen. Das neue Denken ist den vorigen Philosophien nicht aehnlich. Nach Marx, Nietzsche und Freud gab es nicht mehr Gewohntes fuer das Denken des westlichen Zweibeinigen als das Reden darueber, in welcher Weise, warum und in welchem Sinn das westliche Weltbild mystifiziert und unzuverlaessig ist. Und da Nietzsche sich kompromittierte Beziehungen weder mit unbeweisbaren wirtschaftlichen Annahmen wie  
Marx, noch mit unbeweisbaren psychologischen Hypothsen wie Freud leistete und das Problem des Chaos, Zufalls, der Domination und Macht in ontologischen Aspekten der Wirklichkeit direkt herauslaSS, hat sein Denken mit der Zeit in geringstem Grad geschwunden. 
 In Fusstapfen der ersten „Lehrer des Argwohns“ (Terminus von Paul Ricoeur) sind die ganzen Kohorten der Wissenschaftler, Denker und Kuenstler getreten. Der lange Zug  fing (wenn man die bedingte Grenze zieht) mit W. James, O. Spengler und Leo Schestow an, und ihnen gingen bald konservative Kritiker der Gegenawrt – Heidegger und Faulkner, Riesmann und Juenger nach, bald die „mehr oder weniger“ Linken, die Personen, die sich zum Marxismus zaehlten (oder zu ihm naehetreten). Unter sie – Lukatsch und Bloch, Sartre und Picasso, Romain Rolland und Adorno und viele andere. Diesem ganzen Trupp gingen in der Mitte des 20. Jahrhunderts schon die Finalisten nach – Forscher und Kritiker der Massenkommunikation, Analytiker der Massenkonsumgesellschaftparadoxa, dann die Geiste und Talente der posthistorischen, postmodernen, postkulturellen Phase. Unter die letzten  stachen Baudrillard und Slotterdake ab.  
 „Lehrer des Argwohns“ haben ihr Werk vollgebracht. Sie haben im Bewusstsein der denkenden Menschen die antropologische Hauptmutmassung des 20. Jahrhunderts bestaetigt: was auch in Koepfen der Menschen als Ideale, politische Lehren, religioese Dogmen, aesthetische Normen oder andere „ewige Werte“ nicht erschiene - das alles sei illusorisch, das alles sei Mystifikation, d.h. ueber die Wahrheit ist nicht zu sprechen. Bestenfalls kann man ueber „nuetzliche Illusionen“ sprechen, wie sich Nietzsche aeusserte. Im Rahmen der Kultur, innerhalb des Bewusstseins und der Sprache gibt es keine Kriterien der Validitaet. 
 Die Argwohnstrategien haben sein Werk vollgebracht. Neue Denkweisen des 20. Jahrhunderts haben nicht darauf konzetriert, wie man die Wahrheit finden, die ewigen Postulaten formulieren und die ewigen Werte verteidigen koennte. Die Neuererphilosophien des 20. Jahrhunderts, das tonangabende Denken im allgemeinen beschaeftigten sich mit anderen Dingen. Die Linien der  Unglaubwuerdigkeit jeder Idee, jeder Beschreibungssprache lieSSen sich zurueckzuverfolgen. Damit beschaeftigten sich nicht nur Philosophen.  
Die radikalen Experimentatoren aller Phasen der Kunstentwicklung im 20. Jahrhundert wanden sich unveraendert an Nietzsche.  
Das Nietzsche´s Weltbild  hat den Aufschwung der ersten Avantgarde (1905-1914) hervorgeruft, seine Gestalt ist von der Geschichte des Dadaismus und Surrealismus unabtrennbar. Der Nachlass von Nietzsche war einer der Hauptorientierungspuenkte fuer diejenige, die Neomodernismus der Mitte des 20. Jahrhunderts schufen, die konzeptuellen Richtungen der zweiten Haelfte des Jahrhunderts gruendeten und dann in Waessern des Postmodernismus badeten und seinen Sirenen zuhoerten. 
 So sind die Kuenstler zur paradoxen Lage gekommen, in der sie auch jetzt sind. Die lebendige und aktuelle Kunst (im Unterschied  
zur konservativen, offiziellen oder Salonkunst) faengt da an, wo man die folgende Frage stellt: was koennte man noch verletzen, welche Mythen enthuellen, welche Fundamente sprengen. Jetzt gilt als avancierter Intellektueller derjenige, der besonders fein und gescheit ueber Zweifelhaftigkeit und Nutzlosigkeit jeder Freiheit der Verstand, ueber staendige Praesenz der Untiere jenseits der duennen Umhuellung sprechen kann, auf deren die Merkmale der Kultur, Menschlichkeit ind Sprache bezeichnet sind. Diese Sachlage verursachte sowohl die Funde der westlichen Kunst im 20. Jahrhundert als auch ihre Durchfaelle. Hier gibt es keine Moeglichkeit auf weitere Einzelheiten einzugehen. Die auserwaehlten Gemuete des Westens mit Nietzsche an der Spitze haben die froehliche und gefaehrliche Wissenschaft den Kuenstlern gelehrt. 
 Und wie steht es mit Russland? Thomas Mann (a propos Kenner und Verehrer von Nietzsche) war kein Anfaenger fuer Theorie „des heiligen Altrusslands“ , aber er hat bekanntlich die russische Literatur als heilige bezeichnet. Es geht darum, dass sie in Finsternis 
der menschlichen Laster und sozialen Scheusslichkeiten versinken kann; sie versteht an den grundlegenden Normen der Kultur und Kommunikationssprachen zu zweifeln, Kritik an Kirche und Macht, an Familie und Moral zu ueben. Trotzdem gibt sie der Versuchung des endgueltigen Misstrauens gegen des Menschen nicht nach und ruft zu Glaube, Hoffnung, Liebe und Verzeihung. 
 Thomas Mann hatte im Wesentlichen recht, obwohl das Wort „Heiligtum“ hier kaum passt. Man muss darauf achten, wie oft und beharrlich die russische Literatur und Kunst sich an das Thema des Misstrauens, der Pruefung und Kritik wenden. Aleksander Puschkin kehrte immer an diesem Kreis der Themen, Probleme und Personen zurueck. Der Mensch, der sich von Normen der Gesellschaft, Vorschriften der Zivilisation, Vernunft, Moral und Logos abkehrt, der eienen anderen Weg sucht – das ist vielleicht das Hauptproblem des Puschkin´s Denkens. Hauptgestalt des Dichters und Denkers wurde der kuehne Wanderer, der in solche Sphaeren eindringt, wo es keienen Platz fuer einen normalen „regelrechten“ Menschen gibt. Da ist Hoelle, Aufruhr, Pest, Laesterung, Wahnsinn, Ermorderung, Wille ohne Zaum und Schneid ohne Sinn. 
 Puschkin´s Helden sind erpricht dahinzusehen, wo die Helden von De Sade sind. Aus irgendeinem Grunde deutet uns der Dichter  
mit Hilfe seines Helden an, dass „es gibt ein Rausch in der Schlacht, am Abgrundsrande in der Nacht“. So koennte auch Zarathustra aus Nietzsche´s Buch sagen, aber man muss noch darauf erraten, was die literarischen Helden – einer aus russischem, anderer aus deutschem Buch, damit meinen. Die Wanderungen in unerlaubten Dimensionen „jenseits von Gut und Boese“ werden zu Haupttun der literarischen Gestalten von Dostojewski, Tolstoj, Tschechow, Blok und Platonow. Sie alle brauchen ins reine zu bringen in welcher Weise man weiter leben muss nachdem was sie ueber Menschen, Geschichte, Gesellschaft, Macht, Religion und Moral erfahren haben. (Und sie werden solche Sachen erfahren, nach deren man nicht leben will). In diesem Punkt existiert keine Trennunglinie zwischen Russland und Westen; es sei Merkmal des idealistischen Stumpfsinnes zu behaupten, dass die russische Kultur rettend  
und fuer den Geist „nuetzlich“ sei und die Experimenten des neuen Westens verfuehrerisch und verderblich seien. Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts  „erkuehnen sich“ ueber verderbliche und demuetigende Dinge zu wissen. Gerade die Kuehnheit gibt ihnen Energie und das paradoxe Erleben seiner neuen „paradiesischen Hoelle“. So ist das paradoxe Ethos der neusten Kultur, Kultur der Selbstunterbegrabung, Kultur des staendigen Misstrauens gegen sich selbst. Und hier haben sich die russischen Schriftsteller und Kuenstler als gute Schueler erwiesen. Sie waren zur froehlichen und gefaehrlichen Wissenschaft bereit.  
 Die Studie von Octavio Paz ueber Russland heisst „Zyklop und seine Herde“. Dieses soziopolitische Bild gilt als ueberzeugend fuer 
die westlichen Intellektueller: schrekliches, wildes und halbblindes Russland, gewaeltiges mit seinen nutzlosen Muskeln, das man nur mit ortodoxaler Sentimentalitaet und Angst vor der Obrigkeit zuegelt. Von Zeit zu Zeit versuchen russische Herrschaft und Gesellschaft eifrig mit seinen Handlungen zu bestaetigen, das dieses Bild der Wirklichkeit nicht entspricht. Wenn es auch so ist, dann Kunst und Literatur dieses Landes gar nicht fuer die Zyklop´s Herden geschaffen sind. Sie richten an grosse Welt und grosse Geschichte. Sie setzen die Fragen von Puschkin, Dostojewski, Tolstoj, Wrubel und Kandinski zu stellen. Sie fallen nicht immer mit Hypothesen und Fragen von Nietzsche zusammen, doch bilden sie mit dem letzten den klangvollen Akkord. Daran auch erinnern uns die Bilder von  
Lena Hades. 
2002